Staatliches Museum für Völkerkunde München
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Sonderausstellungen

 

Nachstehend lesen Sie die Einführungsrede zur Ausstellung „A Strong Desire to see the World“ von Isi Kunath im Staatlichen Museum für Völkerkunde München am 14.4.2010


Frau Dr. Elisabeth Hartung (Leitung „Team Bildende Kunst, Kunsträume, Atelierförderung, Kunst im öffentlichen Raum, Stiftungen“ des Kulturreferats der LH München):

Ich freue mich sehr, heute Abend eine kurze Einführung zur Ausstellung „A strong desire to see the world“ von Isi Kunath geben zu können. Ich kenne die Künstlerin seit langem und bin immer wieder überrascht, wie prägnant sie für besondere Orte Konzepte entwickelt. Ganz besonders freue ich mich diesmal, denn wir sind uns noch etwas näher gekommen. Die Kunst als Ethnographie der eigenen Kultur zu denken war die These meiner Dissertation und die Auseinandersetzung der zeitgenössischen Kunst mit der Ethnographie wird Thema eines großen Ausstellungsprojekts, das 2011 startet, sein.

Isi Kunath hat mit ihrer jüngsten Arbeit einen wichtigen Beitrag zu diesem Themenfeld verfasst. Ich freue mich für sie, dass das Münchner Völkerkundemuseum Schauplatz ihrer neuesten Arbeiten geworden ist und möchte ihr danken für das sinnliche und intellektuelle Futter zur Frage des Fremden und des Eigenen, das sie mit viel Humor und künstlerischen Elan hier ausstreute.

Eine Künstlerin ist also auf Entdeckungsreise gegangen. Von Amsterdam führte sie der Weg nach München. In eine geheimnisvolle Welt mitten in unserer Stadt, in das Münchner Völkerkundemuseum. Erste Bekanntschaften mit diesem Kosmos machte sie wohl vor ziemlich genau einem Jahr. Isi Kunath war damals Stipendiatin der Villa Waldberta des Künstlerhauses der Stadt München, gelegen hoch über dem Starnberger See. Eine Ausstellung mit dem geheimnisvollen Titel „Hunting for Superstition“ war ihr Auftrag. In der Pasinger Fabrik hatte sie eine üppig inszenierte Ausstellung eingerichtet, die vom Aberglauben handelte, von den Methoden und Strategien, dem Glück auf die Sprünge zu helfen, sich geheime Wünsche zu erfüllen und dem Unglück erfolgreich aus dem Weg zu gehen. Ein Themenfeld, das keine kulturellen Grenzen kennt. Überall auf der Welt gibt es magische Praktiken, die über die Unbilden des Alltags hinweghelfen und dem Glück den Weg ebnen sollen.

Kein Wunder, dass die Künstlerin im Zuge ihrer Feldforschungen zum Thema Aberglauben im Münchner Völkerkundemuseum gelandet ist, um Masken zu photographieren und die Magie fremder Völker zu studieren. Und dann entdeckte sie über ihr damaliges Thema hinaus hier im Museum Situationen und machte Begegnungen mit Menschen, die sie neugierig machte und ihre Sehnsucht einer ausgedehnten Reise in den Kosmos Museum stärker weckte als jedes noch so entfernt liegende Eiland es hätte tun können.

Es stellten sich ihr von Anfang an viele Fragen. Was ist das für ein  Ort hier? Wie zeitgemäß kann heute im postkolonialen Zeitalter noch ein Museum für Völkerkunde sein? Welche Aufgaben erfüllt es? Welchen Reiz übt es heute noch aus, wo doch das Fremde längst nicht mehr unerreichbar, sondern via Pauschalreisen schnell verfügbar geworden ist? Welches Bild der Welt wird hier präsentiert während wir doch längst in multikulturellen, von Migration geprägten Gesellschaften leben. Ist nicht das Fremde längst mitten unter uns?

Mit diesen Fragen wollte sich Isi Kunath in einem neuen Projekt innerhalb des Völkerkundemuseums künstlerisch auseinandersetzen. Die ehrwürdige Institution erschien ihr plötzlich wie ein fremder Kontinent, dessen Beschaffenheit, dessen Leben, dessen Kultur sie mit künstlerischen Mitteln erforschen wollte. Und so setzte sie mit ihrer unglaublichen Energie alles daran, um die notwendige Einreisegenehmigung zu bekommen, um dieses Land von 12000 qm, seine 53 Einwohner und seine über 150.000 Schätze näher kennenlernen zu können.
Als die Formalitäten zusammengestellt waren und die offizielle Einreisegenehmigung erteilt war, machte sich die Künstlerin also beherzt auf, erneut nach Bayern zu kommen. Eine einmalige Expedition konnte beginnen, die das Haus noch nie gesehen hatte und es von nun an in einem anderen Licht erscheinen lässt. Der Direktor des Reiches hatte dem fremden Gast nicht nur die schöne prachtvolle repräsentative Seite für die künstlerische Forschung geöffnet, sondern auch die Werkstätten und geheimen Kammern, die Schreibstuben, die Labore und Archive.
Ausgestattet mit Photokamera, Skizzenbuch, einschlägiger Literatur und großer Neugier zog die Künstlerin für ein paar Wochen in ein Gästezimmer. Es wurde ihre Basis für die weiten Erkundungstouren in dieses fremde Land, dessen herausragende Tätigkeiten insbesondere das Sammeln, Erforschen und Repräsentieren fremder Kulturen sind. Eingebettet ist es in einen größeren kulturellen Kontext, in die Kultur Europas, die sich lange Zeit als das Zentrum der Welt verstand.

Betrachtet man also dieses Land mit etwas Distanz und einem offenen unbefangenen Blick so kommt es einem doch recht eigentümlich vor, dass es solch eine Institution gibt, die davon lebt, fremde Dinge zu bewahren und zu erforschen und die sich als Art Gedächtnis  der menschlichen Kultur versteht. Auf alle Fälle ist es ein wunderbarer Ort für eine Künstlerin, die in ihren Arbeiten immer wieder von menschlichen Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten erzählt und davon Bilder vermitteln kann, die eindrucksvoller und aussagekräftiger als so manche wissenschaftliche Abhandlung sein können.

Sie sind heute auf dem Weg in den Vortragssaal schon an einigen der Bilder vorbeigegangen, die Isi Kunath während ihrer Aufenthalte hier im Museum für Völkerkunde über diesen besonderen Kosmos gemacht hat. Es sind Zeugnisse ihrer Feldforschung in einer neuen Welt, durch die uns als aufmerksame Betrachter das Museum in einem anderen Licht erscheinen kann, denn sie vermitteln Einblicke hinter die Kulissen und neue Ausblicke in den Alltags eines Museums, in dem Menschen arbeiten und in dem viele menschliche Sehnsüchte und Beziehungen mitspielen, die nicht nur vom Fremden handeln, sondern immer auch von uns selbst.

So erzählen die Bilder, die Isi Kunath aus über 3000 hier entstandenen Photographien, Zitatfragmenten und eigenen Textpassagen zusammengestellt hat, viele Facetten von der Suche nach dem Anderen und Fremden, die wesentlich ist für die Geschichte unserer europäischen Kultur, sie erzählen aber auch von kleinen privaten Sehnsüchten und dem Alltag der Menschen Backstage im Museum, den die Künstlerin in unzähligen Gesprächen mit allen Mitarbeitern des Hauses, vom Direktor, über den Nachtwächter, die Putzfrauen, das Aufsichtspersonal, die wissenschaftlichen Mitarbeiter bis hin zum Schlosser erfragte und kennenlernte.

Mit ihren Bildern entlockt die Künstlerin die Poesie des Alltags, die Kuriosität des Banalen und das Außergewöhnliche im scheinbar Normalen. Das gelingt ihr mit offenen Blick und Entdeckerfreude. Lassen Sie mich ein paar flüchtige Blicke auf ihre Bilder werfen. Die Künstlerin dokumentierte die von ihr so genannten „Skulpturen des Alltags“, die ein „kreativ tätiger Eingeborener des Museums“, der Schreiner aus den Resten von Verpackungskisten baut. Sie zeigt Schallplatten, die noch keiner gehört hat, aber die schon durch das Cover beredte Zeugnisse der Kultur sind, die sie hervorgebracht hat, beispielsweise durch kuriose Titel wie „Music before Columbus“.

Manche Bilder hinterfragen auch die Werteskala dieser Kultur. Eine Photomontage zeigt eine Ansicht einer fast leeren Vitrine mit nur einer wertvollen Maske und kombiniert es mit einer Aufnahme einer Raumecke im Depot, in der sich eine Missionsfigur zum Spendensammeln zwischen Mülleimer und Kopierer quetschen muss.  Wir sehen einen in Plastikfolie eingehüllten Buddha und registrieren, wie vier Handwerker ähnlich den vier Buddhas sich gegenüber sitzen, Brotzeit machen und kommunizieren. Eine andere Arbeit erzählt von Kommunikationsritualen am runden Tisch.
Auf einer photographischen Arbeit, die zeigt, wie Werkzeug in Einkaufswägen aus dem Supermarkt durch die Werkstätten und Ausstellungsräume geschoben wird, steht zu lesen, dass jede Generation einen sie charakterisierenden Moment besitzt und dass dieser unser ist – alles rein in den Einkaufswagen, ob real im Supermarkt oder virtuell im Internetkaufhaus. Ganz anders die Szenerie , in der ein rührend andachtsvoller Moment festgehalten ist: der erste direkte Kontakt eines Wächters mit einer Figur, die er Tag für Tag bewachen muss. - wohl gemerkt hat die Künstlerin den Wärter dazu gebeten, ich hoffe sehr, der Direktor hatte Nachsicht.
Ein nächstes Photo zeigt Herrn Holz, der Handwerker und Schreiber zugleich ist. Er ist der Schreiner innerhalb dieser sich als kulturelles Gedächtnis verstehenden Institution und leidet selbst unter Gedächtnisverlust. Durch seine detailliert beschriebenen „Notizbücher“ und Kennzeichnungszettel überall in der Werkstatt kann er alle Wege und Prozesse des Alltags nachlesen und vergegenwärtigen.

In den sehr vielschichtigen Arbeiten Isi Kunaths sind immer wieder konkrete Bezüge zur Ethnologie evident. So wie Herr Holz sein Wissen um Größen, Techniken, Wege in seinen Aufzeichnungen festgehalten hat, dem Vergessen entrissen, so halten die Forscher in ihren Reiseberichten und Aufzeichnungen die Besonderheiten der Natur fest, notieren die Abläufe von kulturellen Riten oder machen sich Notizen zu gesellschaftlichen Regeln. Tatsächlich wissen wir von den Entdeckungen der Ethnologen in fremden Kulturen in erster Linie über aufgeschriebene Berichte, die als möglichst objektiv und präzise gelten.

Dass nun in den letzten Jahren verstärkt Bilder als besonders aussagekräftige Zeugnisse in der Forschung herangezogen und untersucht werden – in der Ethnologie insbesondere von der sogenannten Visuellen Anthropologie - hat unter anderem auch mit dem gegenwärtig boomenden Iconic turn zu tun. Gefordert wird nun eine Berücksichtigung und Analyse von visuellen Dokumenten jeder Art und eine interdisziplinäre Beschäftigung mit der Welt der Bilder, mit Erkenntnissen und Methoden der Philosophie, der Theologie, der Ethnologie, der Kunstgeschichte, Medienwissenschaft, Psychologie und der Naturwissenschaften. Hierzu gibt es einen wichtigen Vorläufer aus der Kunstgeschichte, den Isi Kunath als Paten für die Konzeption und Präsentation ihrer Arbeiten hier im Völkerkundemuseum gewählt hat: Aby Warburg.

Aby Warburg, der als einer der wenigen Kunsthistoriker seiner Zeit zu einer fremden Ethnie, den Pueblo-Indianern Nordamerikas reiste, ist mit seinem um 1927 konzipierten Bilderatlas Mnemosyne einer der wichtigen Köpfe der kunsthistorischen Forschung geworden. „Angeekelt“ -  wie er es selbst sagte - von der ästhetisierenden Kunstgeschichte, von den rein formalen Betrachtungen und dem sterilen Wortgeschäft wollte er das Bildergedächtnis der europäischen Kultur seit der Antike in seinen wichtigsten Themen und Motiven quer durch die Zeiten rekonstruieren. Gewidmet der griechischen Schutzgöttin des Gedächtnisses und der Erinnerungskunst Mnemosyne war sein Plan, aus 2000 Photos sechzig Bildtafeln zusammenzustellen, die sinnträchtige Bildzusammenstellungen zeigen sollten und von nur kleinen Textspuren begleitet werden. Keineswegs verwendete er nur Reproduktionen von Werken der Bildenden Kunst sondern auch Werbeplakate, Pressephotos, Briefmarken und eben auch ethnographische Dokumente. Dieses Material wurde mit Stecknadeln auf mit schwarzem Stoff bespannte Tafeln geheftet, so dass diese stets neu gruppiert werden konnten. 

Im ersten Stock des Völkerkundemuseums hat Isi Kunath 20 schwarze Staffeleien mit ihren Bildzusammenstellungen in die aktuelle Ausstellung integriert. In den nächsten Wochen bis zum September werden sie durch das Haus wandern und zu den verschiedenen ausgestellten Zeugnissen und Artefakten Bezüge herstellen. Immer wieder werden sich neue Geschichten eröffnen, die Einblick in das Leben hinter den Kulissen geben und die ausgestellten Dokumente und exotischen Artefakte in den Prozess des Lebens in diesem vorgestellten „fremden Kontinent Völkerkundemuseum“ einbauen.  

Wie schon eingangs erwähnt, sind die Fragen nach dem Fremden und dem Anderen in den letzten Jahren brisant geworden. Entsprechend haben Ethnographie und Ethnologie in den künstlerischen und intellektuellen Entwicklungen der letzten Jahre an Bedeutung gewonnen. Dabei ging es von der künstlerischen Seite aus immer wieder darum, die Kunst als westliche Konstruktion im Kontext der weltweiten zeitgenössischen Umstrukturierungen zu thematisieren. Viele Künstler haben dabei auch ethnographisch-wissenschaftliche Methoden adaptiert.

Isi Kunath indessen hat sich auf die Kunst besonnen, ihre spezifischen Eigenschaften, hat auf Intuition und Gefühl gesetzt, unverkrampft Dialoge geführt und zum Mitspielen eingeladen. Dadurch hat sie eine wirklich lebendige künstlerische Feldforschung in diesem fremden Kontinent Völkerkundemuseum durchgeführt und präsentiert davon Bilder voller erzählerischer Poesie, die sie einladen, neue Blickwinkel einzunehmen und neue Entdeckungen zu machen, sich zu wundern, zu staunen und auch manchmal einfach zu schmunzeln.

Wärmstens möchte ich Ihnen zum Schluss das Tagebuch ihrer Reise durch das Münchner Völkerkundemuseum ans Herz legen. Es ist wie ein eigenständiges Kunstwerk. Dieses Logbuch führt sie noch tiefer ein in das wundersame Haus und macht sie vertraut mit den zentralen Begriffen dieses fremden Kontinents. Für 12 Euro können Sie das Buch an der Kasse erwerben und ihre Reise auch zu Hause fortsetzen.

Nun wünsche ich Ihnen einen anregenden und fröhlichen Abend!

 

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