Staatliches Museum für Völkerkunde München
Kunst und Kultur aus Afrika • Asien • Amerika • Ozeanien


 



DER ETHNOLOGISCHE SALON 2003

Eine Veranstaltungsreihe im Staatlichen Museum für Völkerkunde

Veranstalter: Staatliches Museum für Völkerkunde München




Programm Januar bis November 2003
31.01.2003, 19 Uhr
"Wir können nicht alle schwarz und schön sein..."
Die Filmschauspielerin Meg Gehrts entdeckt 1913 Afrika.

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer
  • Werner Petermann: Kurze Geschichte des ethnographischen Films
  • Ausschnitte aus dem Film "Im deutschen Sudan" von Hans Schomburgk (1913)
  • Offenes Forum: Zeit für Gespräche, Speis und Trank
1913 drehte die 22-jährige Hamburgerin Meg Gehrts mit dem Filmemacher und Afrikaforscher Hans Schomburgk in der ehemaligen deutschen "Musterkolonie" Togo einen Film mit dem reißerischen Titel "Weiße Göttin der Wangora". Ihren gleichnamigen autobiographischen Bericht veröffentlichte sie gleich nach ihrer Rückkehr, der jedoch in den Wirren des I. Weltkriegs ebenso verschollen ging wie große Teile des damals gedrehten Filmmaterials mit seinen vielen wertvollen ethnographischen Sequenzen. Meg Gehrts heiratete später ihren Regisseur, aber die Ehe brachte ihr kein Glück. Ihre Karriere als Schauspielerin kam nie mehr in Gang und sie starb vergessen 1966. Erst vor wenigen Jahren wurde ihr Manuskript im Rahmen feministischer Geschichtsforschung wiedergefunden und im Peter-Hammer-Verlag neu veröffentlicht.





28.02.2003, 19 Uhr
"Ich war Königin am Nil" (ca. 1900-1914)
Das ereignisreiche Leben der ungarischen Gräfin May Török.

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer
  • Wüstentochter Myriam, Wash-ya-wash
  • Christine Fößmeier, "Lust, Liebe, Intrige: Die Welt des Harems in der Kunst des 19. Jahrhunderts"
  • Offenes Forum: Zeit für Gespräche, Speis und Trank


Im Mai 1951 veröffentlichte die "Münchner Illustrierte" unter dem reißerischen Titel "Ich war Königin am Nil" als Fortsetzungsserie die Lebenserinnerungen der Witwe des letzten Khediven (Vizekönig) von Ägypten. Die Artikel basierten auf den schon 1930 geschriebenen Lebenserinnerungen einer Frau, deren abenteuerliches Leben Stoff für mehrere Romane bieten könnte. May Török wurde 1877 als Tochter eines ungarischen Grafen in Amerika geboren. Ihren späteren Mann lernte sie in Wien kennen, dem sie 1900 nach Ägypten in seinen Harem folgte. Sie beschäftigte sich dort viel mit der Geschichte und Kultur Ägyptens, trat nach reiflicher Überlegung zum Islam über und nahm den Namen Djavidan Hanum an. Mit der Institution Harem hat sie sich in jener Zeit ausführlich befasst und dazu auch in ihrem Buch ausführlich Stellung genommen. Sie selbst lernte lediglich die kläglichen Reste einstiger Haremsherrlichkeit kennen, die sie scharfzüngig als intriganten, zänkischen Weiberhaufen zur billigen Lustbefriedigung des Herren beschrieb. Ihre Ehe blieb kinderlos und wurde aufgrund einer Harems-Intrige 1913 getrennt. Danach hielt sich May Török, die eine ausgezeichnete Pianistin war, vorwiegend in Österreich und Deutschland auf. Sie verkehrte in illustren Kreisen und war u.a. mit Gerhart Hauptmann, Robert Musil und Olaf Gulbrannson befreundet. Die Jahre des "Dritten Reichs" verbrachte sie in Berlin an der Seite eines zaristischen Offiziers, mit dem sie nach dem Krieg nach Graz zurückkehrte, wo sie 1968 starb.

Djavidan mit Bosso



28.03.2003, 19 Uhr
Von Hexeneulen in Mangobäumen.
Eine gefahrvolle Forschungsreise zum Volk der Tiv (Nigeria, 1949-53)

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer
  • Gabriel Kläger, Die Angst des Forschers vor dem Feld
  • Gesprächsrunde über Feldforschung in
    - Ghana (Gabriel Kläger) - Pakistan (Jürgen Frembgen)
    - Schwaben (Karin Sommer) - Zentralbrasilien (Ulrike Prinz)
  • Offenes Forum: Zeit für Gespräche, Speis und Trank

Die Angst des Forschers vor dem Feld - wer je einmal ein Forschungsvorhaben durchgeführt hat, das teilnehmende Beobachtung und einen längeren Aufenthalt beim "Objekt der wissenschaftlichen Begierde" erforderte, der kennt das Gefühl zur Genüge. Egal ob bei den Soziologen, den Ethnologen oder den Volkskundlern - das Phänomen der fundamentalen Verunsicherung, des kulturellen Außenseitertums, der drohenden Auflösung der eigenen Identität ist überall bekannt. Es traf sogar den "Erfinder" der teilnehmenden Beobachtung Bronislaw Malinowski, der sich seine Ängste jedoch nur in seinen ganz geheimen Tagebüchern zugestehen traute. Mittlerweile ist es fast schon chic geworden, damit zu kokettieren, wie die humorvollen Bestseller des englischen Ethnologen Nigel Barley dokumentieren.

Als Elizabeth Smith Bowen alias Laura Bohannan ihr Buch "Rückkehr zum Lachen" veröffentlichte, musste sie es als "ethnologischen Roman" getarnt und unter Pseudonym erscheinen lassen. 28 Monate lebte die junge Amerikanerin Anfang der 1950er Jahre bei den Tiv in Nigeria, "einem hexengläubigen, streitsüchtigen, misstrauischen, aber auch fröhlichen, lärmenden, fabulierenden Volk mitten in Afrika". Neben einer wissenschaftlich-seriösen Darstellung dieses Aufenthalts verfasste sie unter Decknamen einen Bericht über das Wechselbad der Gefühle, dem sie als "kultivierter" Mensch im Zusammenleben mit "den Wilden" ausgesetzt war. Euphorische Glücksgefühle, wenn sie sich eins fühlte mit der Natur und dem Kollektiv, machten Ängsten, Frustrationen und Irritationen Platz, weil sie immer wieder auf unüberwindbare Verständnis-Grenzen stieß. Als bei einer Pockenepidemie bei den Tiv Zustände ausbrachen, die sie an mittelalterliche Pestzeiten erinnerten, flüchtete sie tief erschreckt zurück in die "Zivilisation". Nach dem Abklingen der Seuche kehrte sie mit viel schlechtem Gewissen zurück, weil sie "ihre Leute" im Stich gelassen hatte. Sie wurde zwar sehr freundlich wieder aufgenommen, aber weder sie noch die Tiv waren dieselben wie vorher, zumal einige ihrer besten Freunde gestorben waren. Dennoch gelang ihnen allen zusammen dann doch die "Rückkehr zum Lachen".






Tiv
Tiv-Ältester
R.C. Abraham, ca. 1950

25.04.2003, 19 Uhr
Adam und Eva auf Galapagos.
Eine Robinsonade mit tödlichem Ausgang im Jahre 1934.

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer
  • Dr. Ulrich Linse (FH München), „Wir sind nackt und nennen uns Du“ – Bemerkungen zur historischen Alternativbewegung der Weimarer Zeit
  • „Die Königin von Floreana“ – Dokumentarfilm über Margret Wittmer, die letzte Überlebende des Aussteigerdramas
  • Offenes Forum: Zeit für Gespräche, Speis und Trank

Was passiert, wenn sich auf einer völlig einsamen Insel, fernab der gängigen Seefahrerrouten, drei völlig unterschiedliche Siedlergruppen niederlassen? Werden sie in ihrer schwierigen Situation jenseits allen Konsums, allen Komforts und aller Zivilisation einander beistehen - oder werden sie sich gegenseitig einen Überlebenskampf liefern? Diese Frage stellte sich Anfang der 1930er Jahre konkret auf Floreana, einer kleinen Insel des Galapagos-Archipels.

Das Experiment endete für zwei Beteiligte tödlich, zwei weitere Inselbewohner verschwanden spurlos. Interessanterweise hatte das Abenteuer fatale Folgen ausgerechnet für jene, die hier radikale Lebenslösungen, teils philosophisch-ideologischer, teils unkonventionell-erotischer Art, gesucht hatten. Die dritte Gruppe, an ihren alten Werten, Traditionen und Spitzendeckchen festhaltend, von den anderen als "Spießer" verspottet, überstand die Ereignisse unbeschadet. Ihre Nachkommen leben heute noch auf der Insel.

Ein Beitrag zu Zivilisationsflucht, "Ways of no Return" und "Leben als Baustellen".

Dr. Ritter
Dore Strauch und Dr. Friedrich Ritter

Familie Wittmer
Familie Wittmer
SOMMERPAUSE


26.09.2003, 19 Uhr
Die Wilden kommen. Von Völkerschauen und anderen Kuriositäten.

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer
  • Das Afrikadorf in Wien 2003 - eine moderne Völkerschau? Video-Reportage von Albert Ottenbacher
  • Vorstellung des Forschungsprojekts "Kulturelle Inszenierung von Fremdheit" und des Buches "Exotik in München um 1900" mit Helmut Zedelmaier und Anne Dreesbach (LMU München)
  • Offenes Forum

Ende des 19. Jahrhunderts kamen in Deutschland die sogenannten "Völkerschauen" groß in Mode. Hier konnten exotische Menschen aus fremden Kulturen im Tiergarten oder im Zirkus besichtigt werden. In möglichst naturgetreuer Kulisse - manchmal wurden sogar ganze Dörfer oder Basare nachgebaut - sollten die Fremden dann ihr tatsächliches oder vermeintliches Alltagsleben oder spezielle "Kunststücke" vorführen. Besonders beliebt waren" die Indianer- und Wildwest-Shows, so z.B. 1890 in München die von den Zeitgenossen als sensationell empfundene "Buffalo-Bill-Show", die auf ihrer nächsten Station in Dresden von einem begeisterten Karl May besucht wurde. "Exoten-Schauplatz" war in München übrigens damals (wie heute?) mehrfach das Oktoberfest. Das Publikum drängte aber auch zu den Vorführungen anderer Völkergruppen und begeisterte sich beispielsweise für afrikanische Amazonen, das Elefantenzurichten der Singhalesen oder die Kajakkünste der Eskimos. Auch Fachleute wie Ethnologen und Anthropologen besuchten die Vorstellungen regelmäßig und bekamen teilweise sogar Sondervorführungen, um ihr "Material" intensiv studieren zu können.

Und wie haben die Mitglieder des "Menschenzoos" selbst ihre Situation erfahren? Manche konnten mit Hilfe der Gage oder neu erworbener Kenntnisse zu Hause ihr Glück machen, einige wenige zogen als Völkerschau-Stars jahrelang durch die europäischen Städte. Aber die meisten waren froh, wenn sie nach ein paar Monaten unbeschädigt an Leib und Seele zurückkehren durften. Und es gab auch einige, die ihre Heimat nie wieder sahen; so starben beispielsweise alle Mitglieder einer Eskimo-Truppe 1880/81 an den Pocken und auch München hatte einen damals populären Todesfall: Die "afrikanische Amazone" Kula wurde von einer tödlichen Krankheit dahingerafft und wurde auf dem Alten Südlichen Friedhof bestattet.




Foto Hagenbeck


Plakat Oktoberfest 1912

31.10.2003, 19 Uhr
Kimpa Vita (1706 als Hexe verbrannt)
Eine afrikanische Jeanne d'Arc im alten Königreich Kongo.

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer
  • "Missionsarbeit gestern und heute"
  • Pater Dr. Othmar Noggler, Theologischer Direktor bei MISSIO München
  • Ausschnitte aus dem Film "The Mission" mit Robert de Niro und Jeremy Irons; Regie: Roland Joffe (1986)
  • Offenes Forum
1482 landeten die Portugiesen an der Kongo-Mündung und knüpften viel versprechende Handelsbeziehungen zum mächtigen Königreich Kongo. Diese Beziehungen gestalteten sich jedoch schon bald sehr einseitig zugunsten der Weißen. Die Bewohner des Kongogebietes verkamen zu Waren. Allein hier sollen bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts gut 5 Millionen Menschen durch den Sklavenhandel verschwunden sein.

Anfang des 18. Jahrhunderts formierte sich der Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen die weißen Eindringlinge in Form einer religiösen Bewegung. Sie wurde angeführt von einer jungen Frau, Kimpa Vita, die sich als Wiedergeburt des Heiligen Antonius verstand. Die Antonier, also Kimpa Vita und ihre Anhänger versuchten, sich auf frühere Werte und Traditionen zurückzubesinnen, und die Weißen mitsamt ihrer Religion und ihren Missionaren aus dem Land zu jagen. Diesen Versuch, ein unabhängiges, würdevolleres Dasein ohne die Weißen zu gestalten, kostete Kimpa Vita das Leben. Sie wurde nicht zuletzt auf Betreiben der Jesuiten, die um ihren Einfluss auf die Königsfamilie fürchteten, 1706 auf dem Scheiterhaufen verbrannt, ihre Bewegung musste gewaltsam aufgelöst werden. In den Köpfen ihres Volkes, der Bakongo, lebt sie aber heute noch weiter als Nationalheldin und afrikanische Jeanne d'Arc.




Bild Kimpa Vita


Bild

28.11.2003, 19 Uhr
Der Schwarze Messias. Simon Kimbangu und seine religiöse Befreiungsbewegung in Belgisch-Kongo (um 1921)

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer
  • Die Kimbanguisten-Kirche in Belgisch-Kongo
  • Dr. Michael Rösler, LMU München
  • Kimbanguismus in Europa.
  • Diavortrag mit (Kimbanguisten-) Musik von Dr. Benjamin Simon, Karlsruhe
  • Offenes Forum
1921 kam es in der damals belgischen Kolonie Kongo zu einem lokalen Aufstand der schwarzen Bevölkerung. Ausgelöst wurden die Unruhen durch die Verhaftung von Simon Kimbangu, der bei seinen Landsleuten als Prophet Gottes und Verkünder des wahren christlichen Glauben galt. Er berief sich nicht nur auf die Bibel, sondern auch auf die Antonier, eine Vorläufer-Bewegung aus dem 17. / 18. Jahrhundert, an deren Spitze eine Frau stand. Kimpa Vita wurde deshalb von der damaligen Kolonialmacht als Ketzerin angeklagt und 1706 als Hexe verbrannt, aber von ihrem Volk niemals vergessen. So konnte Simon Kimbangu fast nahtlos an bestehende religiöse Traditionen anschließen und riss bald als der lang erwartete Erlöser die Menschenmassen mit sich. Das konnten die belgischen Kolonialherren natürlich nicht auf sich beruhen lassen. Zusammen mit der Mission arbeiteten sie an der Unterdrückung dieser millenaristischen Bewegung, von der sich ihre Anhänger nicht nur ihr spirituelles Seelenheil, sondern auch ganz konkret die Vertreibung der fremden Herren versprachen. Durch die brutale Verfolgung Kimbangus und seiner Gefolgsleute (Kimbangu starb nach 30-jähriger Haft 1951 im Gefängnis) kam es einerseits zu einer Politisierung der Bewegung und Gründung einer nationalen Befreiungspartei, und andererseits zur Etablierung der größten unabhängigen christlichen Kirche Afrikas, die seit 1960 offiziell anerkannt ist, nämlich der "Église de Jesus Christ sur Terre par le Prophète Simon Kimbangu" (EJCSK).



Foto Kimbangu


Buchcover


zurück zur Veranstaltungsübersicht