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Texte zu den Veranstaltungen
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Freitag, 30.01.2004, 19:00 Uhr
Freiheit für die schwarzen Sklaven von Haiti
Ein unbekanntes Kapitel Revolutionsgeschichte
Eine inszenierte Lesung einer Radiosendung von
Karin Sommer.
Die französische Revolution von 1789 - jedes
Schulbuch weiß von der Bedeutung dieses Ereignisses zu berichten
und von der Signalwirkung, die davon auf andere europäische
Freiheitsbewegungen ausging. Aber nicht nur in Europa hatte die
französische Revolution ihre Auswirkungen. Die Ideale von
Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit fielen noch ganz
woanders auf äußerst fruchtbaren Boden, nämlich
in der Karibik, auf Haiti, der ehemaligen französischen Kolonie
St. Domingue.
Die Marseillaise, das Kampflied der Aufständischen
von Paris, wurde auch zum Kampflied der "Negersklaven"
von Haiti, die sich 1791 gegen ihre weißen Herren erhoben.
In Frankreich war man äußerst ungehalten über
diese Entwicklung; so war das eigentlich nicht gemeint mit der
Gleichheit. Die Schwarzen erkämpften sich nicht nur die Aufhebung
der Sklaverei, sie wagten es sogar, ihre Angelegenheiten selbst
zu regeln. Sie brachten eigene Führer hervor, die eigenmächtig
handelten, sich ihre eigenen Gesetze gaben. Die Schwarzen waren
auf dem besten Weg, sich vom Mutterland abzunabeln.
Das konnte "natürlich" nicht geduldet
werden, schon gar nicht von einem so erfolgsgewohnten, machtbewussten
Mann wie Napoleon. 1802 rüstete er eine Expeditionsarmee
aus, die für Ordnung sorgen, die alten Verhältnisse
wieder herstellen sollte. Allerdings hatte er die Rechnung ohne
den "schwarzen Napoleon", seinen karibischen Gegenspieler
Toussaint Louverture gemacht. Die Bilanz: Eine Materialschlacht
sondergleichen, über 40.000 Tote und Verwundete allein auf
französischer Seite, die ehemals reichste Kolonie Frankreichs
musste verloren gegeben werden.
Aber auch Toussaint Louverture büßte 1803
mit seinem Leben und starb in einem eisigen Gefängnis im
französischen Jura. Allerdings erfüllten sich seine
prophetischen Worte: Mit mir habt ihr zwar den Baum der Freiheit
gefällt; aber seine Wurzeln werden weiter arbeiten, denn
sie sind tief und zahlreich. An Neujahr 1804 wurde auf Haiti die
erste "Negerrepublik" der Neuen Welt proklamiert, die
dieses Jahr ihr 200jähriges Jubiläum feierte.
Anschließend:
- "200 Jahre nach der Unabhängigkeit
- Wo steht Haiti heute?"
Anmerkungen von Stephan Krause (Filmemacher, Haiti-Kinderhilfe e.V.)
- "Zwei Mädchen aus Cité
Soleil"
Ein Film von Heike Fritz und Stephan Krause über das
Leben von zwei Mädchen in einem Slum in Port-au-Prince
(Haiti)
- Offenes Forum
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Freitag, 27.02.2004, 19:00 Uhr
"The Wild Place" - Das Polenlager Wildflecken.
Eine amerikanische Flüchtlingsbetreuerin der UNO im Bayern der Trümmerzeit.
Eine inszenierte Lesung einer Radiosendung von
Karin Sommer.
Im Juli 1945 kam die Schriftstellerin Kathryn Hulme als
Mitglied eines internationalen Teams einer UNO-Hilfsorganisation zur Betreuung
von Flüchtlingen und Verschleppten (Displaced Persons DPs) nach Deutschland.
Sie wurde mit 10 anderen Helfern dem Lager Wildflecken zugeteilt, wo sie
statt der erwarteten 2000 Hilfsbedürftigen 20.000 Menschen vorfand.
Und dauernd kamen weitere Transporte hinzu, oftmals entweder überhaupt
nicht angemeldet oder aber mit weit mehr Flüchtlingen als angekündigt.
Die Helfer arbeiteten rund um die Uhr, doch sie konnten nicht einmal die
schlimmsten Mißstände abstellen. Als nach Monaten des Chaos
endlich allmählich eine funktionierende Lagerorganisation aufgebaut
werden und Kathryn Hulme sich nun vermehrt um die Lagerbewohner selbst
kümmern konnte, kam sie mit vielen erschütternden Einzelschicksalen
in Berührung.
Gut sechs Jahre lang widmete sich die Amerikanerin ihrer
schweren Aufgabe, den entwurzelten, vielfach gebrochenen und traumatisierten,
von der deutschen Bevölkerung oft verachteten "Displaced Persons"
wieder auf die Füße sowie zu einer neuen Existenz und zu einer
neuen Heimat zu verhelfen. 1951, gleich nach ihrer Rückkehr in die
USA, schrieb sie über ihre Erlebnisse ein Buch, das in seiner Eindringlichkeit
und kenntnisreichen Darstellung einzigartig ist: "The Wild Place"
- ein Buch nicht nur über wilde Orte, sondern auch über verwilderte
Zeiten und Menschen. Ein Abend über Verlust, Neubeginn und große
Fluchten'.
Anschließend:
- "Befreit und vergessen." Ausschnitte
aus dem Dokumentarfilm von Henriette und Joachim Schröder"
- "Aspekte der Flüchtlings- und Lagerrealität
heute" mit Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat
- Offenes Forum
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Freitag, 26.03.2004, ab 19 Uhr
Der abgedankte Befreier -
Simón Bolívar und die "Vereinigten Staaten von Südamerika"
Eine inszenierte Lesung einer Radiosendung von
Karin Sommer.
Oft wurde er mit Napoleon verglichen. Wie sein berühmter
Zeitgenosse war Bolívar klein, aber ein Energiebündel und
ein militärisches Naturtalent. Wie Napoleon hatte sich Bolívar
mehrmals geschlagen geben müssen und war umso glanzvoller wiedergekommen.
Seinen Schwur, die Spanier vom südamerikanischen Kontinent zu vertreiben,
hatte er einlösen können, wenn auch erst nach 14 Jahren Kampf.
Seinen großen Traum aber, nämlich "Die Vereinigten Staaten
von Südamerika" zu schaffen, den mußte er nach weiteren
sechs Jahren Kampf begraben. Am Ende seiner Laufbahn kam ihm deshalb der
resignierte Stoßseufzer aus: "Das einzige, was man in Amerika
tun kann, ist auswandern".
Der Befreier Südamerikas, der wie ein Prinz in Samt
und Seide aufgewachsen war, der als Jugendlicher mit dem zukünftigen
König Spaniens gespielt hatte und der ihm später seine wertvollen
Kolonien abnahm, starb 1830 als 47jähriger entmachtet und verarmt.
Dieser "gescheiterte Befreier" interessierte den Schriftsteller
und Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez viel mehr, als der offiziell
dargestellte strahlende Volksheld. In seinem Buch "Der General in
seinem Labyrinth" zeigt er ihn von einer anderen Seite und beschreibt
vor allem seine letzten Wochen und Tage im Exil.
Anschließend:
- Simón Bolívar - Befreier oder erster
Diktator Lateinamerikas? - Anmerkungen von Prof. Dr. Walther Bernecker
(Lehrstuhl für Auslandswissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg)
- "Licht verlorener Wege - Die kolumbianische Legende
Geo von Lengerke" (1997) von Mechthild Katzorke: Ein Film über
die Entstehung von Mythos und die verzweigten Formen von Erinnerung
- Offenes Forum
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Freitag, 30.04.2004, ab 19 Uhr
Kohlrabi-Apostel und Barfuß-Propheten
Die Alternativbewegung der 1920er Jahre
Szenische Lesung mit Begleitprogramm und Buffet.
Mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg war in gewisser Weise
auch das Bürgertum gescheitert, der (gut)bürgerliche Lebensentwurf
schien ausgedient zu haben. Die nun folgende fundamentale Unsicherheit
verlangte nach Umorientierung, nach neuen Werten. Die "wilden 20er
Jahre" waren eine Antwort darauf. Alternativ-Bewegungen unterschiedlichster
Ausprägung versuchten auf ihre Weise, wieder Sinn ins Leben des Einzelnen
zu bringen. Zahlreiche selbsternannte Erlöser fühlten sich berufen,
den verunsicherten Menschen ihrer Zeit den Weg zur heilbringenden Lebensweise
zu zeigen. Lebensreformer, Vegetarier, völkische Welterlöser,
Pazifisten, Anthroposophen, urchristlichen Heilsbringer, Blut-und-Boden-Mystiker
und Spiritisten überschwemmten das Land. Keine Ideologie war obskur
genug, um nicht auch ihre Anhängerschaft zu gewinnen. Als brisante
Mischung einiger solcher Anschauungen erwies sich die Ideologie eines
gewissen Herrn Hitler. Er bezog aus jener Zeit nicht nur viele Anregungen,
sondern konnte auch auf dem weit verbreiteten Bedürfnis aufbauen,
sich von erleuchteten Führern den Weg in eine angeblich bessere Welt
führen zu lassen.
Programm:
- Szenische Lesung der Radiosendung von Karin Sommer
- Günther Gerstenberg: Erich Mühsam und die
Reformbewegung um 1900
- Prof. Dr. Ulrich Linse: Die "Inflationsheiligen"
der Weimarer Republik
- Ausschnitte aus dem Film: Der parfümierte Alptraum" von
Kidlat Tahimik (Philippinen, 1976/77)
- Offenes Forum
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Freitag, 24.09.2004, ab 19 Uhr
"Yuali - Bruder der Indianer".
Leben und Reisen des Südamerika-Forschers Theodor Koch-Grünberg
Szenische Lesung mit Begleitprogramm und Buffet.
Auf die Frage, weshalb er sich so stark für vermeintlich
primitive Urwaldindianer engagiere, hat er geantwortet: "Weil alle
Menschen on einem Geist beseelt sind." Als Theodor Koch-Grünberg
1924 in Vista Alegro, einem trostlosen Dschungelkaff am Ende der Welt,
an Malaria starb, hatte der Freigeist aus dem hessischen Städtchen
Grünberg eine ungewöhnliche Karriere als Naturforscher hinter
sich. Nach seiner Lehrzeit unter dem weltbekannten Ethnologen Karl von
den Steinen war Koch auf mehreren Expeditionen in unerforschte Regionen
Nordbrasiliens und Guayanas vorgedrungen. Er hatte dabei das freie Leben
der Indianer kennen und schätzen gelernt und in spannenden Büchern
wie "Roroima" und "Zwei Jahre unter den Indianern"
geschildert. Als erster Forscher sah Koch Maskentänze und Totenfeiern,
machte die allerersten phonographischen und filmische Aufnahmen von südamerikanischen
Indianern. Seine schlichte Methode, mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen
in das Seelenleben der Waldbewohner einzudringen und dadurch ihr Vertrauen
zu gewinnen, galt noch Jahrzehnte später unter den Wissenschaftlern
als vorbildlich.
Programm:
- Szenische Lesung der Radiosendung von Rainer Firmbach
- Aus dem Leben der Taulipang in Guayana - Filmdokumente
aus dem Jahre 1911 von und mit Theodor Koch-Grünberg.
- Die Hülle der nackten Haut - Kunsterfahrungen bei
den Yanomami. Ein Erlebnisbericht von Gabriele Herzog-Schröder
mit Lichtbildern
- Offenes Forum
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Theodor Koch-Grünberg
in der Hängematte, Zeichnung von Korokoró 1905

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Freitag, 29.10.2004, ab 19 Uhr
"Das alte Mali"
Sagenumwobenes Königreich des Goldes
Szenische Lesung mit Begleitprogramm und Buffet.
Unermessliche Reichtümer, Gold in Hülle und Fülle,
prunkvolle Hofhaltung, phantasievolle Architektur, Handelsbeziehungen
in alle Mittelmeerländer - im 14. und 15. Jahrhundert war das ausgedehnte
Königreich Mali mit der legendären Handelsstadt Timbuktu eine
"Weltmacht". Und dennoch wissen heute nur noch wenige, dass
es dieses einst so mächtige Reich je gegeben hat, zählt der
heutige Staat Mali doch zu den wirtschaftlich ärmsten Ländern
der Welt. Dieses Beispiel ist typisch für viele Länder und Regionen
in Afrika, das in der westlichen Welt immer noch gerne als "geschichtsloser
Kontinent" betrachtet wird. Ungenügende archäologische
Forschung und ein Ignorieren der in den schriftlosen afrikanischen Gesellschaften
mündlich überlieferten geschichtlichen Geschehnisse und Leistungen
durch die westliche Geschichtsforschung führte dazu, dass in breiten
Kreisen noch heute das Vorurteil herrscht, afrikanische Gesellschaften
seien erst über die europäische Kolonisierung zu "Kultur"
und "Bildung" gekommen.
Programm:
- Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Michael Solka
- 20 Tage bis Timbuktu - Mit einer Salzkarawane durch
die Sahara. Ein Erfahrungsbericht von Claudia Decker (Journalistin beim
Bayerischen Rundfunk)
- "Die denkwürdige Wallfahrt des Kaisers Kanga
Mussa von Mali nach Mekka". Ausschnitte aus dem 1977 entstandenen
Film von Götz Hagmüller
- Offenes Forum
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Freitag, 26.11.2004, ab 19 Uhr
"Auf den Trümmern von Atlantis"
Leo Frobenius zwischen Forschung und Vision
Szenische Lesung mit Begleitprogramm und Buffet. Für
Speisen und Getränke sorgt vorher, währenddessen und nachher
wie immer Bel Mondo, das Café im Völkerkundemuseum.
Leo Frobenius, 1873 als Sohn eines preussischen Offiziers
geboren und ohne Abiturabschluß von der Schule gegangen, war einer
der führenden Ethnologen seiner Zeit und schon zu Lebzeiten heftig
umstritten. In den Jahren und Jahrzehnten nach 1904 unternahm er zahlreiche
Reisen nach Afrika und entdeckte dabei als erster Europäer Bronze-
und Terrakottaköpfe der nigerianischen Ife-Kultur.
Auch wenn er in diesen Fundstücken Überreste einer uralten "mittelmeerischen
Zivilisation" und das "Atlantis der antiken Schriftsteller"
zu sehen glaubte, war er doch einer der ersten Europäer jener Zeit,
der erahnte, daß Afrika eine reiche Geschichte besitzt. Er wandte
sich gegen europäische Vorstellungen von diesem Kontinent als geschichtslos
und erkannte die "prinzipielle Gleichwertigkeit" afrikanischer
Kulturen an. Leo Frobenius wurde so trotz seiner oft auch zweifelhaften
Bemerkungen gegenüber Afrikanern zu einem Kronzeugen der "Négritude",
deren Protagonisten um die Wiedergewinnung eines "afrikanischen kulturellen
Selbstbewußtseins" bemüht waren.
Programm:
- Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Stefan Eisenhofer
- LEO DER AFRIKANER - Vorführung eines Films von
Dr. Peter Beringer
- "Auf den Spuren von Leo Frobenius - Erfahrungen
mit einer Reise durchs Südliche Afrika" - Vortrag von Dr.
Peter Beringer, Historiker und Filmemacher
- Offenes Forum
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Foto: Deutsches Museum
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