Staatliches Museum für Völkerkunde München
Kunst und Kultur aus Afrika • Asien • Amerika • Ozeanien


 



DER ETHNOLOGISCHE SALON 2004

Eine Veranstaltungsreihe im Staatlichen Museum für Völkerkunde

Veranstalter: Staatliches Museum für Völkerkunde München
 


Programm

30.1.2004
Karin Sommer
Freiheit für die schwarzen Sklaven von Haiti!
Ein unbekanntes Kapitel Revolutionsgeschichte.

27.2.2004
Karin Sommer
"The Wild Place" - das Polenlager Wildflecken
Eine amerikanische Flüchtlingsbetreuerin der UNO im Deutschland der Trümmerzeit

26.3.2004
Karin Sommer
Der abgedankte Befreier.
Simón Bolívar und die "Vereinigten Staaten von Südamerika".

30.4.2004
Karin Sommer
Kohlrabi-Apostel und Barfuß-Propheten.
Die Alternativbewegung der 1920er Jahre.


Sommerpause


24.9.2004
Rainer Firmbach
"Yuali - Bruder der Indianer".
Leben und Reisen des Südamerika-Forschers Theodor Koch-Grünberg

29.10.2004
Michael Solka
Das alte Mali
Sagenumwobenes Königreich des Goldes

26.11.2004
Stefan Eisenhofer
Auf den Trümmern von Atlantis
Leo Frobenius zwischen Forschung und Vision

 


Ethnologischer Salon, Januar 2003

Besucher beim ersten ethnologischen Salon, Januar 2003
Foto: Barbara Schirpke

Texte zu den Veranstaltungen

Freitag, 30.01.2004, 19:00 Uhr

Freiheit für die schwarzen Sklaven von Haiti
Ein unbekanntes Kapitel Revolutionsgeschichte

Eine inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer.

Die französische Revolution von 1789 - jedes Schulbuch weiß von der Bedeutung dieses Ereignisses zu berichten und von der Signalwirkung, die davon auf andere europäische Freiheitsbewegungen ausging. Aber nicht nur in Europa hatte die französische Revolution ihre Auswirkungen. Die Ideale von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit fielen noch ganz woanders auf äußerst fruchtbaren Boden, nämlich in der Karibik, auf Haiti, der ehemaligen französischen Kolonie St. Domingue.

Die Marseillaise, das Kampflied der Aufständischen von Paris, wurde auch zum Kampflied der "Negersklaven" von Haiti, die sich 1791 gegen ihre weißen Herren erhoben. In Frankreich war man äußerst ungehalten über diese Entwicklung; so war das eigentlich nicht gemeint mit der Gleichheit. Die Schwarzen erkämpften sich nicht nur die Aufhebung der Sklaverei, sie wagten es sogar, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Sie brachten eigene Führer hervor, die eigenmächtig handelten, sich ihre eigenen Gesetze gaben. Die Schwarzen waren auf dem besten Weg, sich vom Mutterland abzunabeln.

Das konnte "natürlich" nicht geduldet werden, schon gar nicht von einem so erfolgsgewohnten, machtbewussten Mann wie Napoleon. 1802 rüstete er eine Expeditionsarmee aus, die für Ordnung sorgen, die alten Verhältnisse wieder herstellen sollte. Allerdings hatte er die Rechnung ohne den "schwarzen Napoleon", seinen karibischen Gegenspieler Toussaint Louverture gemacht. Die Bilanz: Eine Materialschlacht sondergleichen, über 40.000 Tote und Verwundete allein auf französischer Seite, die ehemals reichste Kolonie Frankreichs musste verloren gegeben werden.

Aber auch Toussaint Louverture büßte 1803 mit seinem Leben und starb in einem eisigen Gefängnis im französischen Jura. Allerdings erfüllten sich seine prophetischen Worte: Mit mir habt ihr zwar den Baum der Freiheit gefällt; aber seine Wurzeln werden weiter arbeiten, denn sie sind tief und zahlreich. An Neujahr 1804 wurde auf Haiti die erste "Negerrepublik" der Neuen Welt proklamiert, die dieses Jahr ihr 200jähriges Jubiläum feierte.

Anschließend:

  •  "200 Jahre nach der Unabhängigkeit - Wo steht Haiti heute?"
    Anmerkungen von Stephan Krause (Filmemacher, Haiti-Kinderhilfe e.V.)
  •  "Zwei Mädchen aus Cité Soleil"
    Ein Film von Heike Fritz und Stephan Krause über das Leben von zwei Mädchen in einem Slum in Port-au-Prince (Haiti)
  •  Offenes Forum

zur Programmübersicht

Freitag, 27.02.2004, 19:00 Uhr

"The Wild Place" - Das Polenlager Wildflecken.
Eine amerikanische Flüchtlingsbetreuerin der UNO im Bayern der Trümmerzeit.

Eine inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer.

Im Juli 1945 kam die Schriftstellerin Kathryn Hulme als Mitglied eines internationalen Teams einer UNO-Hilfsorganisation zur Betreuung von Flüchtlingen und Verschleppten (Displaced Persons DPs) nach Deutschland. Sie wurde mit 10 anderen Helfern dem Lager Wildflecken zugeteilt, wo sie statt der erwarteten 2000 Hilfsbedürftigen 20.000 Menschen vorfand. Und dauernd kamen weitere Transporte hinzu, oftmals entweder überhaupt nicht angemeldet oder aber mit weit mehr Flüchtlingen als angekündigt. Die Helfer arbeiteten rund um die Uhr, doch sie konnten nicht einmal die schlimmsten Mißstände abstellen. Als nach Monaten des Chaos endlich allmählich eine funktionierende Lagerorganisation aufgebaut werden und Kathryn Hulme sich nun vermehrt um die Lagerbewohner selbst kümmern konnte, kam sie mit vielen erschütternden Einzelschicksalen in Berührung.

Gut sechs Jahre lang widmete sich die Amerikanerin ihrer schweren Aufgabe, den entwurzelten, vielfach gebrochenen und traumatisierten, von der deutschen Bevölkerung oft verachteten "Displaced Persons" wieder auf die Füße sowie zu einer neuen Existenz und zu einer neuen Heimat zu verhelfen. 1951, gleich nach ihrer Rückkehr in die USA, schrieb sie über ihre Erlebnisse ein Buch, das in seiner Eindringlichkeit und kenntnisreichen Darstellung einzigartig ist: "The Wild Place" - ein Buch nicht nur über wilde Orte, sondern auch über verwilderte Zeiten und Menschen. Ein Abend über Verlust, Neubeginn und ‚große Fluchten'.

Anschließend:

  •  "Befreit und vergessen." Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm von Henriette und Joachim Schröder"
  •  "Aspekte der Flüchtlings- und Lagerrealität heute" mit Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat
  •  Offenes Forum

zur Programmübersicht

Freitag, 26.03.2004, ab 19 Uhr

Der abgedankte Befreier -
Simón Bolívar und die "Vereinigten Staaten von Südamerika"

Eine inszenierte Lesung einer Radiosendung von Karin Sommer.

Oft wurde er mit Napoleon verglichen. Wie sein berühmter Zeitgenosse war Bolívar klein, aber ein Energiebündel und ein militärisches Naturtalent. Wie Napoleon hatte sich Bolívar mehrmals geschlagen geben müssen und war umso glanzvoller wiedergekommen. Seinen Schwur, die Spanier vom südamerikanischen Kontinent zu vertreiben, hatte er einlösen können, wenn auch erst nach 14 Jahren Kampf. Seinen großen Traum aber, nämlich "Die Vereinigten Staaten von Südamerika" zu schaffen, den mußte er nach weiteren sechs Jahren Kampf begraben. Am Ende seiner Laufbahn kam ihm deshalb der resignierte Stoßseufzer aus: "Das einzige, was man in Amerika tun kann, ist auswandern".

Der Befreier Südamerikas, der wie ein Prinz in Samt und Seide aufgewachsen war, der als Jugendlicher mit dem zukünftigen König Spaniens gespielt hatte und der ihm später seine wertvollen Kolonien abnahm, starb 1830 als 47jähriger entmachtet und verarmt. Dieser "gescheiterte Befreier" interessierte den Schriftsteller und Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez viel mehr, als der offiziell dargestellte strahlende Volksheld. In seinem Buch "Der General in seinem Labyrinth" zeigt er ihn von einer anderen Seite und beschreibt vor allem seine letzten Wochen und Tage im Exil.

Anschließend:

  • Simón Bolívar - Befreier oder erster Diktator Lateinamerikas? - Anmerkungen von Prof. Dr. Walther Bernecker (Lehrstuhl für Auslandswissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
  • "Licht verlorener Wege - Die kolumbianische Legende Geo von Lengerke" (1997) von Mechthild Katzorke: Ein Film über die Entstehung von Mythos und die verzweigten Formen von Erinnerung
  • Offenes Forum

zur Programmübersicht

 


Freitag, 30.04.2004, ab 19 Uhr

Kohlrabi-Apostel und Barfuß-Propheten
Die Alternativbewegung der 1920er Jahre

Szenische Lesung mit Begleitprogramm und Buffet.

Mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg war in gewisser Weise auch das Bürgertum gescheitert, der (gut)bürgerliche Lebensentwurf schien ausgedient zu haben. Die nun folgende fundamentale Unsicherheit verlangte nach Umorientierung, nach neuen Werten. Die "wilden 20er Jahre" waren eine Antwort darauf. Alternativ-Bewegungen unterschiedlichster Ausprägung versuchten auf ihre Weise, wieder Sinn ins Leben des Einzelnen zu bringen. Zahlreiche selbsternannte Erlöser fühlten sich berufen, den verunsicherten Menschen ihrer Zeit den Weg zur heilbringenden Lebensweise zu zeigen. Lebensreformer, Vegetarier, völkische Welterlöser, Pazifisten, Anthroposophen, urchristlichen Heilsbringer, Blut-und-Boden-Mystiker und Spiritisten überschwemmten das Land. Keine Ideologie war obskur genug, um nicht auch ihre Anhängerschaft zu gewinnen. Als brisante Mischung einiger solcher Anschauungen erwies sich die Ideologie eines gewissen Herrn Hitler. Er bezog aus jener Zeit nicht nur viele Anregungen, sondern konnte auch auf dem weit verbreiteten Bedürfnis aufbauen, sich von erleuchteten Führern den Weg in eine angeblich bessere Welt führen zu lassen.

Programm:

  • Szenische Lesung der Radiosendung von Karin Sommer
  • Günther Gerstenberg: Erich Mühsam und die Reformbewegung um 1900
  • Prof. Dr. Ulrich Linse: Die "Inflationsheiligen" der Weimarer Republik
  • Ausschnitte aus dem Film: Der parfümierte Alptraum" von Kidlat Tahimik (Philippinen, 1976/77)
  • Offenes Forum

zur Programmübersicht

 

Foto Graesser


Foto Monte Verita></p>
      
    </td>
	</tr>	
	
<tr> 
		<td> </td>
		<td width= 

Freitag, 24.09.2004, ab 19 Uhr

"Yuali - Bruder der Indianer".
Leben und Reisen des Südamerika-Forschers Theodor Koch-Grünberg

Szenische Lesung mit Begleitprogramm und Buffet.

Auf die Frage, weshalb er sich so stark für vermeintlich primitive Urwaldindianer engagiere, hat er geantwortet: "Weil alle Menschen on einem Geist beseelt sind." Als Theodor Koch-Grünberg 1924 in Vista Alegro, einem trostlosen Dschungelkaff am Ende der Welt, an Malaria starb, hatte der Freigeist aus dem hessischen Städtchen Grünberg eine ungewöhnliche Karriere als Naturforscher hinter sich. Nach seiner Lehrzeit unter dem weltbekannten Ethnologen Karl von den Steinen war Koch auf mehreren Expeditionen in unerforschte Regionen Nordbrasiliens und Guayanas vorgedrungen. Er hatte dabei das freie Leben der Indianer kennen und schätzen gelernt und in spannenden Büchern wie "Roroima" und "Zwei Jahre unter den Indianern" geschildert. Als erster Forscher sah Koch Maskentänze und Totenfeiern, machte die allerersten phonographischen und filmische Aufnahmen von südamerikanischen Indianern. Seine schlichte Methode, mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen in das Seelenleben der Waldbewohner einzudringen und dadurch ihr Vertrauen zu gewinnen, galt noch Jahrzehnte später unter den Wissenschaftlern als vorbildlich.

Programm:

  • Szenische Lesung der Radiosendung von Rainer Firmbach
  • Aus dem Leben der Taulipang in Guayana - Filmdokumente aus dem Jahre 1911 von und mit Theodor Koch-Grünberg.
  • Die Hülle der nackten Haut - Kunsterfahrungen bei den Yanomami. Ein Erlebnisbericht von Gabriele Herzog-Schröder mit Lichtbildern
  • Offenes Forum

zur Programmübersicht

Theodor Koch-Grünberg in der Hängematte, Zeichnung von Korokoro 1905
Theodor Koch-Grünberg in der Hängematte, Zeichnung von Korokoró 1905

Buchcover

 

Freitag, 29.10.2004, ab 19 Uhr

"Das alte Mali"
Sagenumwobenes Königreich des Goldes

Szenische Lesung mit Begleitprogramm und Buffet.

Unermessliche Reichtümer, Gold in Hülle und Fülle, prunkvolle Hofhaltung, phantasievolle Architektur, Handelsbeziehungen in alle Mittelmeerländer - im 14. und 15. Jahrhundert war das ausgedehnte Königreich Mali mit der legendären Handelsstadt Timbuktu eine "Weltmacht". Und dennoch wissen heute nur noch wenige, dass es dieses einst so mächtige Reich je gegeben hat, zählt der heutige Staat Mali doch zu den wirtschaftlich ärmsten Ländern der Welt. Dieses Beispiel ist typisch für viele Länder und Regionen in Afrika, das in der westlichen Welt immer noch gerne als "geschichtsloser Kontinent" betrachtet wird. Ungenügende archäologische Forschung und ein Ignorieren der in den schriftlosen afrikanischen Gesellschaften mündlich überlieferten geschichtlichen Geschehnisse und Leistungen durch die westliche Geschichtsforschung führte dazu, dass in breiten Kreisen noch heute das Vorurteil herrscht, afrikanische Gesellschaften seien erst über die europäische Kolonisierung zu "Kultur" und "Bildung" gekommen.

Programm:

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Michael Solka
  • 20 Tage bis Timbuktu - Mit einer Salzkarawane durch die Sahara. Ein Erfahrungsbericht von Claudia Decker (Journalistin beim Bayerischen Rundfunk)
  • "Die denkwürdige Wallfahrt des Kaisers Kanga Mussa von Mali nach Mekka". Ausschnitte aus dem 1977 entstandenen Film von Götz Hagmüller
  • Offenes Forum

zur Programmübersicht

Bild Gesicht

 

Foto Kamel

 

Foto Architektur

Freitag, 26.11.2004, ab 19 Uhr

"Auf den Trümmern von Atlantis"
Leo Frobenius zwischen Forschung und Vision

Szenische Lesung mit Begleitprogramm und Buffet.
Für Speisen und Getränke sorgt vorher, währenddessen und nachher wie immer Bel Mondo, das Café im Völkerkundemuseum.

Leo Frobenius, 1873 als Sohn eines preussischen Offiziers geboren und ohne Abiturabschluß von der Schule gegangen, war einer der führenden Ethnologen seiner Zeit und schon zu Lebzeiten heftig umstritten. In den Jahren und Jahrzehnten nach 1904 unternahm er zahlreiche Reisen nach Afrika und entdeckte dabei als erster Europäer Bronze- und Terrakottaköpfe der nigerianischen Ife-Kultur.
Auch wenn er in diesen Fundstücken Überreste einer uralten "mittelmeerischen Zivilisation" und das "Atlantis der antiken Schriftsteller" zu sehen glaubte, war er doch einer der ersten Europäer jener Zeit, der erahnte, daß Afrika eine reiche Geschichte besitzt. Er wandte sich gegen europäische Vorstellungen von diesem Kontinent als geschichtslos und erkannte die "prinzipielle Gleichwertigkeit" afrikanischer Kulturen an. Leo Frobenius wurde so trotz seiner oft auch zweifelhaften Bemerkungen gegenüber Afrikanern zu einem Kronzeugen der "Négritude", deren Protagonisten um die Wiedergewinnung eines "afrikanischen kulturellen Selbstbewußtseins" bemüht waren.

Programm:

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Stefan Eisenhofer
  • LEO DER AFRIKANER - Vorführung eines Films von Dr. Peter Beringer
  • "Auf den Spuren von Leo Frobenius - Erfahrungen mit einer Reise durchs Südliche Afrika" - Vortrag von Dr. Peter Beringer, Historiker und Filmemacher
  • Offenes Forum

zur Programmübersicht

 

Foto Frobenius


Foto Frobenius, Dt. Museum

Foto: Deutsches Museum

zurück zur Veranstaltungsübersicht