Staatliches Museum für Völkerkunde München
Kunst und Kultur aus Afrika • Asien • Amerika • Ozeanien


 



DER ETHNOLOGISCHE SALON 2006

Eine Veranstaltungsreihe im Staatlichen Museum für Völkerkunde

Veranstalter: Staatliches Museum für Völkerkunde München
 

Auch durch den Ethnologischen Salon 2006 zieht sich das Thema "Schriftstellernde Ethnologen / Ethnologische Schriftsteller". Wir möchten Ihnen Menschen vorstellen, die mehr oder weniger bekannt sind und die mit ihren Werken einen wichtigen Beitrag zum Verständnis anderer Kulturen und der eigenen Gesellschaft leisten oder geleistet haben. Es handelt sich sowohl um verstorbene Autorinnen und Autoren, die wir Ihnen nur vermittelt vorstellen können, als auch um zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die wir Ihnen "leibhaftig" präsentieren werden. Karin Sommer und Stefan Eisenhofer, die beiden Initiatoren und Organisatoren des Ethnologischen Salons, werden Sie wie immer moderierend durch die Abende begleiten.

Programm 2006

Ethnologische Schriftsteller — Schriftstellernde Ethnologen

Freitag, 20.1.2006, 19 Uhr
Rainer Firmbach
Der wahre Robinson. Die Inseleinsamkeit des Alexander Selkirk.

Sommerpause:
Mai - August

Freitag, 24.2.2006, 19 Uhr
Ingrid Kummels
"Ten Sisters of Rhythm". Das weltberühmte kubanische Frauenorchester "Anacaona".

Freitag, 29.9.2006, 19 Uhr
Jean Liedloffs "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück".
Ein Weltbestseller wird 25 Jahre alt.

Freitag, 31.3.2006, 19 Uhr
Zé do Rock
Schröder liegt in Brasilien. Vom "Deutschen" in Brasilien und vom "Brasilianischen" in Deutschland.

Freitag, 27.10.2006, 19 Uhr
Fremde Freunde.
Die EthnologInnen und ihre Gewährsleute.

Freitag, 28.4.2006, 19 Uhr
Reinhard Kapfer
Die Frauen von Maroua. Liebe, Sexualität und Heirat in Nordkamerun.

Freitag, 24.11.2006, 19 Uhr

Aus organisatorischen Gründen verschoben auf 2007 !

Karin Sommer
Daisy Bates bei den Aborigines. Die "weiße Mutter" der "schwarzen Ureinwohner" von Australien.

Freitagabend im Völkerkundemuseum: Ethno-logisch!



Texte zu den Veranstaltungen

Freitag, 20.1.2006, 19 Uhr

Rainer Firmbach: Der wahre Robinson. Die Inseleinsamkeit des Alexander Selkirk

  • Inszenierte Lesung einer Radiosendung von Rainer Firmbach
  • Ich „Herr“ – du „Freitag“: Warum Europa nicht ohne seine Wilden sein kann. Ethnologische Anmerkungen von Andrea Kugler (Institut für Ethnologie an der Universität München)
  • Ausschnitte aus dem Film „Robinson Crusoe“ (mit Pierce Brosnan u.a.; Regie: George Miller (2003)
  • Offenes Forum

Wer kennt ihn nicht, den berühmten Schiffbrüchigen Robinson Crusoe, der auf einer einsamen Insel angeblich 28 Jahre lang zunächst mutterseelenallein, dann in Begleitung eines „Eingeborenen“, des nicht minder berühmten „Freitag“, überlebte. Nur eine Romanfigur? Mitnichten! Es gab einen historisch verbürgen „echten“ Robinson: Dieser hieß Alexander Selkirk, war Schotte und Pirat – und bekam oft und solange Streit mit seinem Kapitän, bis dieser ihn 1704 kurzerhand auf einer menschenleeren Insel mitten im Pazifik aussetzte. Selkirk hatte Glück im Unglück, denn es gab nicht nur Trinkwasser und jede Menge Früchte und Fische, sondern auch Robben und Ziegen, die er als Fleisch- und Materiallieferanten für Kleidung und Werkzeug zu nutzen lernte. Trotz all seiner Bemühungen, ein „zivilisierter“ Mensch zu bleiben, vereinsamte und verwahrloste Selkirk immer mehr. Vier Jahre und vier Monate musste er auf ein rettendes Schiff warten. Endlich kam eines aus England und nahm ihn mit zurück in die Heimat. Selkirk wurde ein gesuchter Geschichtenerzähler, von dem auch der Autor Daniel Defoe hörte und ihn zu einer Romanfigur verarbeitete. Der echte Robinson fühlte sich jedoch nicht mehr wohl in der menschlichen Gesellschaft, er fuhr wieder zur See und starb mit 41 Jahren an Fieber. Die Insel Juan Fernandez, auf der Selkirk solange gelebt hatte, wurde 1966 umbenannt in „Robinson Crusoe“.

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Freitag, 24.2.2006, 19 Uhr

Ingrid Kummels: "Ten Sisters of Rhythm" Das weltberühmte kubanische Frauenorchester ‚Anacaona'

  • Lesung aus und Gespräch über "Anacaona - Aus dem Leben einer kubanischen Musikerin" mit PD Dr. Ingrid Kummels (Lateinamerika-Institut, FU Berlin).
  • Von Stadt-Indianern, Wüstennomaden und Videokids: Zum filmischen Werk von Manfred Schäfer und Ingrid Kummels. Anmerkungen von Dr. Margrit Prussat (Institut für Ethnologie der Universität München)
  • Anacaona - Ten Sisters of Rhythm. Ein Film von Manfred Schäfer und Ingrid Kummels (2002; 40 Minuten)
  • Offenes Forum

Foto Anacaona

Dreizehn Kinder hatte der Gemüsehändler Matias Castro - 10 Töchter und drei Söhne, als ihn 1932 die Weltwirtschaftskrise um seine ganzen Ersparnisse brachte. Cuchito, die Zweitälteste, kam auf die glorreiche Idee, aus der Not eine Tugend zu machen und mit sechs ihrer Schwestern ein Septett zu gründen. Fortan spielten die Castro-Sisters jeden Abend in den Straßencafés auf dem berühmten Freiluft-Boulevard, den Aires Libres von Havanna. Die Konkurrenz war groß, von allen Seiten waren allabendlich Live-Gruppen zu hören. Doch die Schwestern, die sich nach der legendären Indianerkönigin von Haiti "Anacaona" nannten, waren etwas Besonderes. Sie fielen nicht nur durch ihr "exotisches Aussehen" auf - die Familie Castro hatte chinesische Vorfahren -, sondern ebenso durch ihre frechen Texte, ihre mitreißende Musik, die Bandbreite der Instrumente und Stilrichtungen: Son, Jazz, Mambo, Rumba, Cha-Cha-Cha, Latin Jazz - alles kein Problem für die Schwestern, die nach und nach alle zehn im Frauenorchester mitspielten. 1937 erfolgte der internationale Durchbruch, sie wurden eine gefragte Show-Band in Europa und den USA. Als Fidel Castro die Macht in Kuba übernahm, blieben die Schwestern in ihrer Heimat und es wurde ruhig um sie, auch wenn sie bis ins hohe Alter hinein weiter öffentlich auftraten.

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Plakat Anacaona

Foto Anacaona

Foto Ingrid Kummels


Freitag, 31.3.2006, 19 Uhr

Zé do Rock: Schröder liegt in Brasilien. Vom "Deutschen" in Brasilien und vom "Brasilianischen" in Deutschland.

  • Deutsch gutt, sonst Geld zuruck: Der Pizza-Studie immer ein Shritt voraus. Autorenlesung mit Zé do Rock
  • Pre-View des Films "Schroeder liegt in Brasilien" von Zé do Rock (2006)
  • Offenes Forum

Warum sind die Deutschen so glücklich, obwohl sie so arm sind - und warum sind die Brasilianer immer so schlecht drauf, obwohl sie doch so viel Geld haben? Diesen und anderen Fragen im deutsch-brasilianischen Beziehungsgeflecht widmet sich der Film SCHROEDER LIEGT IN BRASILIEN - eine Mischung aus Videoclip und Roadmovie. Mit einem kleinen Team reiste Zé do Rock zuerst durch Deutschland und anschließend durch Brasilien, immer auf der Suche nach interessanten Gesprächspartnern und verschiedenen Aspekten der Realität. Brasilianer mit deutschen Namen werden befragt, türkische Sänger singen in Deutschland brasilianische Lieder, attraktive deutsche Frauen in knappen Bikinis hüpfen in deutsche Badeseen und eine Stadt namens Schroeder in Südbrasilien wird vorgestellt. Die Crew isst in Rio ein Eisbein mit Sauerkraut und filmt in München die Dom-Pedro-Straße, die nach dem brasilianischen Kaiser benannt wurde, weil er das dortige Waisenhaus sponsorte.

Zé do Rock is der brasilianishe autor der di deutshe ortografi richtig reformirte. Es gibt shon 4 leute di so shreiben. Jetz hat er es re-reformirt. Er liest und spilt aus seinen unwerken "fom winde ferfeelt", "UFO in der küche", und "DEUTSCH GUTT SONST GELD ZURUCK", den lustigsten bychan sait "Tod in Venedig" fon Tomas Mann.

Zé do Rock erhielt im Januar 2006 für seine Bücher, in denen er spielerisch und amüsant die deutsche Sprache reformiert, den renommierten Ernst-Hoferichter-Preis.

PRESSESTIMMEN ZUR LESUNG:

"Kommt alle, lasst ihn nich alein reden", bittet sein verlag, und nachdem di lesungen Zé do Rocks in der regel zu höchst komischen performänsses geraten, wird er sicher nich alein bleiben." - Süddeutshe Zeitung

"Zé do Rock is radikal witzig, verantwortungslos albern, anarchisch vital." - Der Tierfreund

"Mit disem besheuerten buch möcht ich nix zu tun ham." - Der lektor

 

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Foto Ze do Rock


Freitag, 28.4.2006, 19 Uhr

Reinhard Kapfer: Die Frauen von Maroua
Liebe, Sexualität und Heirat in Nordkamerun.

  • inszenierte Lesung
  • Offenes Forum

Mehrere Jahre hat der Münchner Ethnologe Reinhard Kapfer in Afrika gelebt und geforscht, vorwiegend in Maroua, einer Stadt im nördlichsten Ende von Kamerun. Gleich zu Anfang fiel ihm der wunderschöne fließende Gang der Frauen und ihr offensichtlich anderes Körperverständnis auf. Dies brachte ihn dazu, sich näher mit den dortigen Frauen und ihrer Stellung in der Gesellschaft auseinanderzusetzen, was ihn wiederum zur Untersuchung des Verhältnisses Mann-Frau führte und zu den oft irritierenden Unterschieden im Vergleich zum westlichen Europa. Er ging daher Fragen nach wie: Wann wird eine Frau oder ein Mann als schön empfunden? Wie lenken sie oder er die Aufmerksamkeit auf sich? Was gilt als schicklich und was als typisch weibliches oder typisch männliches Verhalten? Welche Gesprächsthemen und Verhaltensweisen werden als indiskret eingestuft, wofür hat man sich zu schämen? Wie offen kann man in Gesprächen Verhaltensweisen thematisieren, die mit dem Geschlechterverhältnis zu tun haben? Unterscheidet sich angemessenes Verhalten von verheirateten und unverheirateten Frauen oder Männern? Nach welchen Kriterien wählt man den Partner aus bzw. wie wird man ausgewählt? Gibt es so etwas wie romantische Liebe oder entscheiden eher rationale Überlegungen die Partnerwahl? Wie steht es mit der vorehelichen Sexualität bei Männern und Frauen, welchen Wert besitzen Monogamie oder Treue? Welche Rolle spielen die sogenannten femmes libres, also die freien Frauen? Ein Abend über Liebe und Sexualität im kamerunischen Maroua....und in Westeuropa.

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Freitag, 29.9.2006, 19 Uhr

Jean Liedloffs "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück". Ein Weltbestseller wird 25 Jahre alt.

  • Lesung aus den Originaltexten von Jean Liedloff mit Karin Sommer
  • „Jean Liedloff und das Glück im Regenwald: Eine ethnologische Spurensuche“ – Anmerkungen von Bernhard Baudler
  • Die glücklichsten Menschen der Welt“ – Ein Film von Shaheen Dill-Riaz (2004, Lemme-Film)

Eine halbe Million Gesamtauflage, seit einem Vierteljahrhundert ein Bestseller – das sind Superlative, wie sie wohl nur wenige Bücher vorzuweisen haben. Jean Liedloffs Bericht über die sprichwörtlich „glücklichen Wilden“, die sie im südamerikanischen Dschungel ausfindig gemacht hat, ging als Zivilisationskritik und "ethnographische Reportage" in die Verlags-geschichte ein. Doch was ist wirklich dran an ihren Thesen, die überall in der westlichen Welt dafür gesorgt haben, dass Selbsthilfegruppen für eine bessere Erziehung von glücklicheren Kindern gegründet wurden?
In der englischen Originalausgabe heißt das Buch weitaus weniger spektakulär „The Continuum-Concept“ und bietet seitenweise auch schwer verdaulich-theoretische Überlegungen. Im wesentlichen geht es darum, daß alle Menschen - insbesondere aber Babys – bestimmte Erfahrungen brauchen, um sich optimal entwickeln zu können, und zwar nicht nur auf körperlicher und geistiger Ebene, sondern vor allem auch in ihren Gefühlen. Und dazu sei ganz wesentlich soviel Körperkontakt wie möglich notwendig, so die Autorin. Wir im Westen hätten uns den Zugang zu einer solchen Art von Erziehung über den langen Prozess der Evolution verbaut, aber wir könnten ja von den „Wilden“ lernen.
Das 25-jährige Jubiläum des Buches war für uns Grund genug, nachzufragen, was bis heute die Leserinnen und Leser so daran fasziniert, dass sie sich selbst auf die Suche nach dem verlorenen Glück machen? Und vor allem: Halten Jean Liedloffs Beobachtungen wirklich stand, wenn sie kritisch hinterfragt und mit ethnologischen Erkenntnissen konfrontiert werden?
Ein Abend über Glück und Unglück bei uns und anderswo.

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Freitag, 27.10.2006, 19 Uhr

Fremde Freunde.
Die Ethnologinnen und ihre Gewährsleute

  • Szenische Lesung aus dem Buch „Fremde Freunde“ (Peter-Hammer-Verlag 2006)
  • "Leben in der Großfamilie – Forschungen in Südwest-Marokko“ –von Dr. Bert Turner und Dipl-Geogr. Jutta Turner, Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung, Halle/ Saale
  • Wait and See“ – Ein Film über Feldforschungen im Hochland von Papua Neuguinea von Regina Knapp und Ulrike Kaufmann (2004/ Berlin)
  • Offenes Forum

Ohne Gewährsleute kommt in der Feldforschung niemand aus, sie sind Schlüsselpersonen zum Verständnis anderer Kulturen. Wie intensiv sich Ethnologinnen und Ethnologen „im Feld“ mit ihnen einlassen, welche Beziehungen, teilweise auch emotionaler Art, sie miteinander eingehen, das wurde in früheren Forschungen jedoch kaum thematisiert.
Wenn Gewährsleute Gegenstand von Reflexion waren, dann in der Regel eher privat in Gesprächen mit Freunden oder Kollegen zu Hause oder heimlich - etwa in persönlichen Tagebüchern wie beispielsweise bei Bronislaw Malinowski. Dass das Ergebnis der Feldforschung mit den Informationen steht und fällt, die einem zugänglich gemacht werden und dass damit Informanten selbst ein wesentlicher Bestandteil dieser Forschung sind, wird heutzutage allerdings sehr wohl und durchaus kontrovers thematisiert – oft bis in grundsätzliche Debatten darüber, wie seriös eine Wissenschaft sein kann, wenn sie ihre Erkenntnisse aus ganz persönlichen und individuellen Erfahrungen und Bekanntschaften speist?
Dazu kommen Fragen wie: Haben die InformantInnnen nicht auch ein Recht darauf, angemessen für ihre Arbeit entschädigt oder gar an einer Publikation beteiligt zu werden?

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Eintritt jeweils: 3 € bzw. 2 € ermäßigt