Staatliches Museum für Völkerkunde München
Kunst und Kultur aus Afrika • Asien • Amerika • Ozeanien


 



DER ETHNOLOGISCHE SALON 2007

Eine Veranstaltungsreihe im Staatlichen Museum für Völkerkunde

Veranstalter: Staatliches Museum für Völkerkunde München
Konzept und Organisation: Karin Sommer und Stefan Eisenhofer

Eintritt € 3,-
 

Seit nunmehr fünf Jahren gibt es den Ethnologischen Salon in München als Treffpunkt für all diejenigen, die sich für andere Kulturen und Zeiten interessieren. An jedem letzten Freitag im Monat werden im Foyer des Völkerkundemuseums (inszenierte) Lesungen zu unterschiedlichen ethnologischen Themen geboten. Überraschungsgäste, Filme, Dias oder andere passende Beiträge ergänzen die Abende. Anschließend ist in einem offenen Forum Zeit für anregende Gespräche. Für Speis und Trank sorgt max2, das Café im Museum für Völkerkunde.

Durch den Ethnologischen Salon 2007 zieht sich neben dem neuen Thema "Fotografie und Ethnologie" weiterhin der Schwerpunkt "Schriftstellernde Ethnologen / Ethnologische Schriftsteller". Wir möchten Ihnen Menschen vorstellen, die mehr oder weniger bekannt sind und die mit ihren Werken einen wichtigen Beitrag zum Verständnis anderer Kulturen und der eigenen Gesellschaft leisten oder geleistet haben. Es handelt sich sowohl um verstorbene AutorInnen und FotografInnen, die wir Ihnen nur vermittelt vorstellen können, als auch um zeitgenössische, die wir Ihnen "leibhaftig" präsentieren werden. Karin Sommer und Stefan Eisenhofer, die beiden Initiatoren und Organisatoren des Ethnologischen Salons, werden Sie wie immer moderierend durch die Abende begleiten.

Programm 2007
Fotografie und Ethnologie

Freitag, 19.1.2007, 19 Uhr
Karin Sommer
Daisy Bates bei den Aborigines. Die "weiße Mutter der schwarzen Ureinwohner" von Australien.

Sommerpause:
Mai - August

Freitag, 23.2.2007, 19 Uhr
Ilija Trojanow
Der Weltensammler. Sir Richard Burton in Indien, Arabien und Afrika.

Freitag, 28.9.2007, 19 Uhr
Andrea Schmidt, Renatus Zürcher
„Der Wilde Weisse“. Der Ethnologe und Sammler Paul Wirz in Indonesien und Neuguinea

Freitag, 30.3.2007, 19 Uhr
Carmen Butta
Die mächtigen Frauen von Yuchitán – Einblicke in ein „anderes“ Mexiko.

Freitag, 26.10.2007, 19 Uhr
Wolfgang Davis
Der Schattenfänger. Sheriff Edward Curtis und das indianische Nordamerika.

Freitag, 27.4.2007, 19 Uhr
Kathrin Steinbichler
Götter, Helden, Zauberer - Eduardo Galeano und die Fußballwelten Lateinamerikas.

Freitag, 30.11.2007, 19 Uhr
Reinhard Kapfer
Diesseits und jenseits von Timbuktu. Heinrich Barth und seine Forschungen in Westafrika.

Freitagabend im Völkerkundemuseum: Ethno-logisch!



Texte zu den Veranstaltungen

Freitag, 19.1.2007, 19 Uhr

Karin Sommer:
Daisy Bates bei den Aborigines.
Die "weiße Mutter der schwarzen Ureinwohner" von Australien.

  • Szenische Lesung eines Manuskripts von Karin Sommer
  • "Aboriginal People heute - Die Anangu am Ayers Rock (Uluru)". Ethnologische Anmerkungen von Angelika Brunner (Institut für Ethnologie der Universität München)
  • "Long Walk Home" - Ausschnitte aus dem gleichnamigen Spielfilm (Australien 2002; Originaltitel "Rabbit Proof Fence") von Phillipp Noyce mit Kenneth Branagh u.a.
  • Offenes Forum

Um Daisy Bates ranken sich viele Legenden und sie selbst hat nur zu gerne daran gestrickt. Tatsächlich wurde sie wohl 1863 in Irland geboren, wuchs vermutlich im Waisenhaus auf und wanderte als 20jährige nach Australien aus. Dort heiratete sie zweimal - doch beide Ehen hielten nicht lange. 1887 bekam sie einen Sohn, um den sie sich aber nie richtig kümmerte. 1894 kehrte sie zurück nach England, arbeitete dort einige Jahre erfolgreich als Journalistin und wurde 1899 mit einer Recherche über die Aborigines betraut, weshalb sie neuerlich nach Australien ging. Die dortigen Aboriginal People faszinierten sie derart, dass sie anfing, deren Sprachen zu studieren, deren Erzählungen, Mythen, Gesänge und Rituale zu dokumentieren. Sie hatte die Aufgabe ihres Lebens gefunden, wandte sich teilweise völlig von der westlichen Zivilisation ab und lebte seit 1912 ganz unter den Aborigines. Diese vertrauten ihr und nannten sie "Kabbarli" - "Großmutter". Daisy Bates schrieb zahllose Zeitungsartikel, um die Regierung zu beeinflussen, ihre Politik den Aborigines gegenüber zu ändern und die übelsten Missstände abzuschaffen. 1933 verfaßte sie ihr grundlegendes Buch "The Passing of the Aborigines". Erst 1945 kehrte sie als über 80jährige wieder zurück in die Stadt und lebte bis zu ihrem Tod 1951 in Adelaide. Lange Zeit galt Daisy Bates als verschrobene Einzelgängerin und war nahezu vergessen. Doch heute sind die Arbeiten der autodidaktischen Pionierin bei den verschiedenen Aboriginal People-Gruppen weltweit anerkannt und dienen als Grundlage vieler aktueller Forschungen.

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Mrs. Daisy M. Bates

Coverabbildung Daisy Bates in the Desert

 



Freitag, 23.02.2007, 19 Uhr

Ilija Trojanow:
Der Weltensammler. Sir Richard Burton in Indien, Arabien und Afrika.

  • Autorenlesung von Ilija Trojanow aus seinem Roman „Der Weltensammler“ sowie aus bisher unveröffentlichtem Material
  • Ausschnitte aus dem Film „Land der schwarzen Sonne“ („Mountains of the Moon“) mit Patrick Bergin u.a.; Regie: Bob Rafelson, 1990 (unter Vorbehalt)
  • Podiumsgespräch zwischen Ilija Trojanow und Kathrin Steinbichler (Süddeutsche Zeitung München)
  • Offenes Forum

Über Ilija Trojanow und seinen Roman „Der Weltensammler“ ist in den letzten Monaten so viel berichtet und geschrieben worden, daß sich diesmal eine ausführliche Vorankündigung erübrigt. Der Autor gilt als einer der „wenigen Weltbürger der deutschsprachigen Literatur“ (Zeitschrift „Literaturen“), sein Roman wurde von Lesern und Kritik als einer der ganz großen Würfe des vergangenen literarischen Jahres gerühmt. Im Mittelpunkt des Romans stehen der viktorianische Entdecker, Kolonialoffizier und Geheimagent Sir Richard Francis Burton und seine Reisen nach Indien, Arabien und Afrika. Ilija Trojanow wird an diesem Abend neben Auszügen aus dem Roman „Der Weltensammler“ auch noch aus unveröffentlichtem Material über Burton lesen.
Im Anschluß an die Lesung werden sich Ilija Trojanow und Kathrin Steinbichler (Süddeutsche Zeitung) mit dem Faszinosum Sir Richard Burton als literarische und filmhistorische Gestalt auseinandersetzen.

Stammgäste des Ethnologischen Salons werden in Richard Burton unschwer eine der 2006 von Alexander Knorr vorgestellten „Trickster-Figuren“ der Ethnologie wiedererkennen.

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Ilija Trojanow, Copyright Foto: Peter-Andreas Hassiepen
Ilija Trojanow
Copyright Foto: Peter-Andreas Hassiepen


Freitag, 30.03.2007, 19 Uhr

Carmen Butta:
Die mächtigen Frauen von Yuchitán – Einblicke in ein „anderes“ Mexiko.

  • Lesung mit Karin Sommer aus dem Buch „Juchitán – Stadt der Frauen. Vom Leben im Matriarchat“ von Veronika Bennholdt-Thomsen
  • „Meine Reise in die „Stadt der Frauen“ – Ein Erfahrungsbericht von Carmen Butta, Hamburg
  • „Die mächtigen Frauen von Juchitán“ – Dokumentarfilm von Carmen Butta (1999; 45 Min.)
  • Offenes Forum

In den Chefetagen der Unternehmen, in der Politik oder im Showbusiness: Wenn es um Einfluss und Führung geht, um Macht und Autorität, dann stehen Frauen weltweit meist in der zweiten Reihe. Würde die Welt anders aussehen, wenn Frauen das Sagen hätten? Die mexikanische Stadt Juchitán ist eine solche Enklave. Dort geben Frauen den Ton an. Wenn die Hebamme am Wochenbett verkündet "Es ist ein Mädchen" löst das ein lautes Freudengeschrei aus, denn die Frauen sind in Juchitán die Stammhalterinnen. Beim Tod der Eltern erben automatisch die Töchter, nicht die Söhne. Frauen haben als Heilerinnen spirituelle Macht. Nicht zuletzt beherrschen die Frauen in Juchitán, der "Stadt der Blumen", das gesamte wirtschaftliche Geflecht. Männer dürfen zwar die Felder bebauen, aber der Handel liegt ganz in Frauenhand. Wie kommen ausgerechnet im Machismo-Mexiko die Frauen an die Macht?

Um diese Frage kreist der diesmalige „Ethnologische Salon“, zu dem wir als Gast die renommierte Filmemacherin Carmen Butta (Trägerin u.a. des „Egon-Erwin-Kisch-“ und „Juliane-Bartel-Preises) begrüssen dürfen.

Ein Abend über tatsächliche und geträumte Gegenwelten.

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Freitag, 27.04.2007, 19 Uhr

Kathrin Steinbichler:
Götter, Helden, Zauberer - Eduardo Galeano und die Fußballwelten Lateinamerikas.

  • Lesung mit Karin Sommer und Günther Gerstenberg aus dem Buch „Der Ball ist rund und Tore lauern überall“ von Eduardo Galeano
  • Götter, Helden, Zauberer – Eduardo Galeano und die Fußballwelten Lateinamerikas. Anmerkungen von Kathrin Steinbichler (Ethnologin und Journalistin, Süddeutsche Zeitung)
  • „Adelante Muchachas!“ – Ein Film (2004, 60 Min.) von Erika Harzer
  • Gespräch von Kathrin Steinbichler mit der Regisseurin Erika Harzer
  • Offenes Forum

Wann immer ein Ball im Spiel ist, kochen die Emotionen hoch. In Lateinamerika ganz besonders, denn von hier kommen nicht nur weltweit bekannte Fußball-Legenden wie Pelé, Ronaldinho oder Maradona. Hier beschränkt sich die Leidenschaft für den Sport nicht auf die Stadien, sondern sie durchdringt und prägt nahezu alle Lebensbereiche – von der Literatur über die Politik bis hin zur Religion. Fußballaltäre, Schreine, Fanrituale und Siegesriten sind da nur die kleinen Formen des Alltags. Die heftigen können zur Feindschaft von Familien, ganzer Dörfer und sogar Nationen führen. Nach einem erbittert geführten Länderspiel etwa erklärten sich Honduras und El Salvador einmal gegenseitig den Krieg, riegelten die gemeinsame Grenze ab und ließen Truppen aufmarschieren.

Gleichzeitig ist die Welt des Fußballs in Lateinamerika auch eine Welt des Machismo, in dem die Frauen mühsam ihre Räume suchen. Erika Harzer hat für ihren preisgekrönten Dokumentarfilm „Adelante Muchachas!“ („Auf geht´s, Mädels!“) vier junge Frauen aus Honduras begleitet, die aus den verschiedensten sozialen Schichten kommen und ihre Leben durch den Fußball neu erfahren.

Ein hintersinniger Abend über Vordergründiges im Sport.


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Filmplakat Adelante Muchachas

Foto Kenia

Foto Seydi


Freitag, 28.09.2007, 19 Uhr

Andrea Schmidt, Renatus Zürcher:
„Der Wilde Weisse“. Der Ethnologe und Sammler Paul Wirz in Indonesien und Neuguinea.

  • „Wildnis und Freiheit“ – Szenische Lesung mit Karin Sommer aus den Werken von Paul Wirz
  • „Paul Wirz – Ein Wanderer auf der Suche nach der „wahren Natur“. Anmerkungen von Dr. Andrea Schmidt (Ethnologin, Ulm)
  • „Der Wilde Weisse“ – Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm über Paul Wirz von Renatus Zürcher (2007, 30 Min.)
  • Offenes Forum

Getrieben von der Sehnsucht nach einem freien Leben und der „wahren Natur“ des Menschen unternahm „Weltvagant“ Paul Wirz sieben Forschungsreisen in die Südsee – dahin, «wo Meer und Urwald rauschen, Wilde und Kannibalen hausen.» Dort fand der außergewöhnliche Wissenschaftler sein persönliches Paradies. Während vierzig Jahren sammelte Wirz Zeugnisse von fremden, durch Missionierung und Kolonialismus gezeichnete Kulturen. Zeitlebens ein Unbeheimateter, stirbt Paul Wirz 1955 dreiundsechzigjährig auf einer Wanderung in Neuguinea.

Ein Abend über „Zivilisationsflucht“ und die Suche nach dem „Eigentlichen“.

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Foto Paul Wirz 1930

Foto Paul Wirz

 


Freitag, 26.10.2007, 19 Uhr

Wolfgang Davis:
„Der Schattenfänger“ – Edward Sheriff Curtis und das indianische Nordamerika

  • „Weisse Sehnsüchte – indianische Wirklichkeiten“ – Szenische Lesung mit Karin Sommer
  • Edward Sheriff Curtis – Der Schattenfänger. Anmerkungen von Dr. Wolfgang Davis (Ethnologe, Ethnologisches Museum Berlin)
  • „Im Land der Kriegskanus“ – Ein Film von Edward Sheriff Curtis (s/w, 1913)
  • Offenes Forum

Die Fotografien von Edward Sheriff Curtis finden sich bis heute nicht nur in unzähligen Büchern über nordamerikanische Indianer, sondern auch in nahezu jedem „Indianer-Kalender“ und auf populären Postern. Noch immer prägen diese Fotos unser Bild vom „edlen Wilden“ . Eine Abbildung historischer indianischer Wirklichkeiten stellen sie jedoch nicht dar. Sie waren ein Ablichten von Erinnerungen, die sich im Spannungsfeld von Realität, Gedächtnisverlust und Ethnologie bewegen. Das Grundmotiv seiner Arbeit war „The vanishing Race“, „die verschwindende Rasse“. Curtis befürchtete das völlige Verdrängen der indianischen Gesellschaften Nordamerikas durch die „Weißen“ und versuchte, möglichst viele Informationen über die Kulturen jener „vanishing races“ zu sammeln. So zog er durch Nordamerika und fotografierte über Jahrzehnte hinweg Indianer aus nahezu sämtlichen Regionen. Sein eigentliches Lebenswerk ist das monumentale 20-bändige Werk The North American Indian (1907-30), das 722 Fotos nordamerikanischer IndianerInnen enthält. Weniger bekannt ist, daß Curtis auch als Filmemacher gewirkt hat.

Ein Abend über die Indianer Nordamerikas und die Sehnsucht nach dem Verlorenen.

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Freitag, 30.11.2007, 19 Uhr

Reinhard Kapfer:
„Diesseits und Jenseits von Timbuktu“ –
Heinrich Barth und seine Forschungen in Westafrika

  • „Diesseits und Jenseits von Timbuktu“. Lesung mit Karin Sommer aus dem Werk von Heinrich Barth
  • • Heinrich Barth - "der halbbarbarisierte Europäer". Ethnologische Anmerkungen von Reinhard Kapfer
  • „Fachi – Eine Oase der Sahara Kanuri“ – Ein Film von Peter Fuchs (1976/ 45 Min.)
  • Offenes Forum

1857 erschienen zeitgleich auf Englisch und Deutsch die ersten drei Bände von Heinrich Barths „Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849 bis 1855", die Bände vier und fünf folgten ein Jahr später. Die mehr als 3600 Seiten gelten heute als die bedeutendste Quelle des 19. Jahrhunderts für die Geschichtsschreibung des westlichen Sudan.

Die Reise, unternommen im Auftrag der englischen Regierung, führte vom Mittelmeer durch die Sahara bis zum Tschadsee, westlich nach Timbuktu, südlich bis Adamaua. Eine geistige Eroberung, eine Landnahme, die der faktischen kolonialen Inbesitznahme vorausgeht - wissenschaftliche Erforschung als Voraussetzung oder Hand in Hand mit wirtschaftlicher und militärischer Eroberung? Ein Beginn des Dilemmas der Ethnologie, mit Eroberung und Unterwerfung verbunden zu sein?
Während Hegel Afrika die Geschichtslosigkeit verordnet, schreibt Barth:"Denn auch die Völkerbewegungen Central-Afrikas haben ihre Geschichte." Ein Zuhörender, Aufnehmender ist Barth, und ein glücklicher Reisender:"Ein prachtvoller Morgen, der mir die glücklichsten Momente meines Lebens gewährte, brach an."

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Für Speisen und Getränke sorgt vorher, währenddessen und nachher Max2, das Café im Völkerkundemuseum.